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Nomade auf vier Kontinenten


Heike Geratz-Bodewig, 20.12.2007

ILIJA TROJANOW

Nomade auf vier Kontinenten
Auf den Spuren von Sir Richard Francis Burton


1. Auflage (=Andere Bibliothek Band 269), Eichborn Frankfurt am Main 2007. Pappband mit Fadenheftung und Lesebändchen 12x21,5 cm: 444 Seiten, durchgehend zweifarbig, Fotos, Textabb. 34 €

»Sir Richard Francis Burton (1821-1890) war Weltreisender, Gelehrter, Erotomane, Bibliophiler, Autor, Lebemann. Er war Offizier in Indien, Diplomat in Brasilien, als Autor besuchte er die Mormonen in Utah, er suchte die Quellen des Nils und entdeckte den Tanganjika-See, als Muslim verkleidet betrat er als einer der ersten Europäer zahlreiche ‚verbotene' muslimische Orte, u. a. Mekka. Er übersetzte erotische Schriften, unter anderem das Kamasutra und die Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht. Er lernte 35[?] Sprachen und schrieb rund 60 Bücher. Keine der zahlreichen Biographien ist bislang ins Deutsche übertragen.« Ein Zitat von Wikipedia ebenso wie aus dem Klappentext. Hat Trojanow den Wikipedia-Eintrag geschrieben oder zitiert er ohne Quellenangabe?

Ilija Trojanow wurde 1965 in Sofia geboren, seine Eltern emigrierten 1971 nach Deutschland, von 1972 bis 1984 lebte die Familie in Nairobi. Trojanow studierte Ethnologie und Jura in München und gründete 1989 den auf afrikanische Literatur spezialisierten Marino Verlag. Zwischen 1998 und 2003 lebte er in Bombay, anschließend bis 2007 in Kapstadt. (Ebenfalls aus Wikipedia)

Trojanow wanderte 2001 drei Monate auf Burtons Spuren durch Tansania, er folgte dem Ganges von den Quellen bis in die großen Städten, praktiziert den Islam und und pilgerte nach Mekka.

Er tat überhaupt manches, das Burton tat oder hätte getan haben können, beide sammelten Welten. Ein sympathisches Hobby, dessen Exponate jedoch schwierig zu zeigen sind und das sich erst in einer Biographie so richtig erschließt. Für seinen Roman, die fiktionale Biographie Der Weltensammler mit seinem Protagonisten Richard Burton, wurde er vielfach literarisch ausgezeichnet, die Rezensenten sind durchweg begeistert (www.perlentaucher.de).

Der vorliegende Band ließe sich als Materialsammlung zum Weltensammler deuten. Trojanows Perspektive, seine eigenen Reisen und Erfahrungen sind jedoch so verwoben mit denen Burtons, daß der Leser sich hin und wieder orientieren muß: Wer erzählt denn nun gerade? Daß Autor und Protagonist miteinander verschmelzen, kennzeichnet eher einen Roman als eine Biographie; Trojanow bewundert sein alter ego, findet Gemeinsames vielleicht im vorangestellten Motto: Dem Starken ist jeder Ort Heimat.

Verlegerisch ist der Band aufwendig gemacht, ein Glanzstück der Anderen Bibliothek: lebender und toter Kolumnentitel, Marginalien, zweifarbiger Satz, exzellente Abbildungen, die teils aus Sammlungen stammen (etwa von den berühmten Fotografen Lehnert & Landrock), Fußnoten, Fadenheftung und ein kommentiertes Literaturverzeichnis (»wirft die fürsorgliche Frage auf, wie man einen Menschen vor ungeeigneten Biographen schützen kann«, Trojanow über das Werk von Thomas Wright), Zitate in arabischer Schrift, Sindh, Pali ... bis hin zur Morseschrift. Das wohl nur zur Deko, denn die Zahlen von eins bis zehn in Leptša-Schrift finden sich bei Afghanistan.

Einen Triumph der Form über den Inhalt feiern auch die oberen Drittel der Seiten 170 bis 270: Die erste deutsche Übersetzung von Burtons Kasidah (von Menno Aden) abzuheben ist sicher wichtig, aber: kursiv, in Konsultationsgröße, negativ weiß auf dunklem Grün: Wer soll das ohne Kopfschmerzen lesen?

Die Fußnoten nehmen ein Glossar auf, das allerdings manchmal zu viel erklärt (Wie kocht man chai?) und oft die Assoziationsketten des Autors enthält (wichtig in der Entwurfsphase - aber für den Leser?). Nett Die Fußnote zum Wort bubbert (Seite 148: »Die Lektorin hat den Autor vergeblich darauf hingewiesen, daß dieses Wort weder existiert noch besonders onomatopoetisch ist, muß sich aber leider der dickköpfigen Uneinsichtigkeit des Autors beugen«. Wobei ich die glossierende Fußnote zu onomatopoetisch vermisse (wau-wau ist onomatopetisch, der Schmetterling dagegen nicht). Der Aufhänger von Trojanows Reise auf den Spuren Burtons, die letztendlich erfolglose Suche nach dessen Tagebüchern, tritt angesichts der Fülle von Inhalten und Formen in den Hintergrund.

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Norbert Lüdtke & Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens
www.reisegeschichte.de
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