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Wie die Deutschen «Reiseweltmeister» wurden


Norbert Lüdtke, 17.05.2004

HASSO SPODE

Eine Einführung in die Tourismusgeschichte

1. Auflage (=Forschungen aus dem Historischen Archiv des Willy-Scharnow-Instituts Berlin, Erfurt 2003: Landeszentrale für politische Bildung Thüringen (www.thueringen.de/de/lzt). Broschur14 x 20,5 cm: 160 Seiten, Literaturhinweise

„Bin Sir David Lindsay, zahle alles!“ – So tritt der britische Tourist bei Karl May auf. Hier findet der Autor eine der Wurzeln des modernen Tourismus, den er als neuartige Reiseform definiert, da der Tourist ohne jeden Zweck reist, anders als bei allen bisherigen Reiseformen. Diese Darstellung umfaßt das 18. bis 20. Jahrhundert und konzentriert sich auf die deutsche Entwicklung des Tourismus. Die leitende Fragestellung der Untersuchung heißt: „Wie und warum ist die alljährliche Urlaubsreise zum selbstverständlichen Bestandteil unseres Lebens geworden?“

Trotzt des wissenschaftlichen Ansatzes läßt sich die Broschüre gut lesen, sie bleibt verständlich und nah am Phänomen, so daß der Untertitel treffend gewählt ist. Zum Schluß verweist der Autor auf eine wesentlich erweiterte Tourismusgeschichte, die Ende 2003 bei Leske & Budrich erscheinen soll.

Meine Kritik am Ansatz der Untersuchung trifft nicht den Autor, sondern die herrschende Verwendung der Begriffe Tourist und Tourismus.

Mir scheint: Tourismus ist ein Phänomen, das nur auf gesellschaftlicher Ebene wahrgenommen werden kann: es bedarf der Kataloge, der Reisebüros, der Bahnen, Busse und Flugzeuge, … und der Infrastruktur am Ziel. Natürlich gibt es dann wahrnehmbare Touristenmassen als Frühbucher, Spätbucher, Verkehrsteilnehmer, Hotelgäste … Aber ein Tourist macht noch keinen Tourismus, auch hundert oder tausend vielleicht noch nicht. „Den Tourist“ gibt es nur als Karikatur, als Paradigma, als als Idealtypus. Es ist unmöglich, den Einzelreisenden als Tourist zu identifizieren. Er wird zum Touristen erst durch Nutzung der oben genannten touristischen Systeme innerhalb eines technisch-wirtschaftlich-sozialen Handlungsablaufs.

Seit Gründung der dzg gibt es ein immer wieder aufflackerndes Bemühen, „den Globetrotter“ von „dem Touristen“ qualitativ zu unterscheiden. Zufriedenstellend ist das nie gelungen. Das Problem der Globetrotter ist weniger, daß sie touristische Systeme verwenden. Sie haben alternative Handlungsalternativen entwickelt, so daß sie die touristischen Systeme jederzeit verlassen können und dies auch tun. Schmerzlicher ist, daß sie an der Entstehung der touristischen Systeme beteiligt waren.

In der Diskussion wird nicht sauber unterschieden zwischen der personalen Ebene und der institutionalisierten sozialen Ebene. Ich würde vorschlagen, den Begriff des „Touristen“ nur noch im Plural zu verwenden. Die Tourismusgeschichte sähe dann anders aus. Es würde nämlich unterschieden zwischen einer Entstehungsgeschichte der touristischen Einrichtungen mit individuellen Reisenden als Vorläufer der touristischen Massen einerseits und einer Verwendungsgeschichte der touristischen Einrichtungen mit Touristenströmen.

NORBERT LÜDTKE & ARCHIV ZUR GESCHICHTE DES INDIVIDUELLEN REISENS
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